Der Kindesverkauf


Der Kindesverkauf
Navid Yusof
Übersetzung: ©Fartâb Pârse

„Ein Sohn von mir starb vor Hunger und Krankheit. Zwei andere Söhne von mir waren auch kurz davor zu sterben. Ich war gezwungen sie jemandem, den ich nicht mal kannte, zu verkaufen.“

Es sind schon einige Monate her, seitdem Verkauf ihrer Kinder, aber sie ist immer noch bedürftig und hofft mit diesem Interview etwas Hilfe [Geld] zu bekommen.

Die Entscheidung eigene Kinder zu verkaufen hat ihre Wurzel in übermäßiger Not und Armut. Niedriges Einkommen, die Missernte, die Arbeitslosigkeit und das Fehlen der staatlichen Unterstützung seitens der Regierung sind Gründe für das ansteckende Phänomen des Kindesverkaufs.

Viele der afghanischen Familien sind gezwungen durch den Verkauf ihrer Kinder ihre vielköpfige Familie zu ernähren. Sie bekommen 200 Dollar für den Verkauf eines Jungen und die Hälfte für ein Mädchen; das Erste, was durch den Verkauf ihrer Kinder aufgebracht wird, sind Lebensmittel.

Ich sehe die 42 jährige Golâli, die sieben Töchter hat, in Mazâr Šarif. Diese Frau beklagt sich über die Armut und die Mittellosigkeit. Sie ist zu einer Krankenschwester in Mazâr Šarif gekommen, um ihre Kinder ein einjähriges und zweijähriges Mädchen zu verkaufen. Golâli und ihre Familie hoffen, sie würden durch die Summe von 2 x einhundert Dollar für einige Zeit die Kosten für ihr Brot und Zwiebeln* zu decken.

Sie sagt: „Ich bin gezwungen das zu tun. Mein Mann kann nicht mit seinem Einkommen neun Köpfe der Familie ernähren. Ich habe auch keinen Sohn, der arbeiten kann. Ich habe niemanden, der uns helfen kann. Was soll ich sonst tun?“

Die andere Seite der Münze sind die Ehepaare, die seit Jahren kinderlos geblieben sind, und sich darüber freuen, dass sie dadurch eine Tochter oder einen Sohn bekommen. Sie freuen sich, denn dadurch kommt neue Hoffnung in ihre Familie.

Parvin ist eine Mutter, die einen Jungen für 200 Dollar gekauft hat. Nach acht Jahren Kinderlosigkeit kaufte sie das Kind. Ihr Ehemann wollte keine andere Frau heiraten und sie haben beschlossen ein Kind als ihr Eigenes zu bekommen; aber Parvin behauptet, keiner verkaufe so leicht sein Kind, und sie hätten schließlich das Kind von einer privaten Entbindungsanstalt gekauft. Parvin sagt: „Seitdem dieses Kind da ist, ist unser Leben belebter und glänzender geworden. Mein Mann kommt früher nach Hause und zeigt sich mir gesinnter und liebevoller denn je. Als ob wir mit dem Leben ganz vo vorne angefangen hätten.“

Finâjân ist eine Lehrerin in der Stadt Mazâr Šarif. Sie hatte auch nach Jahren der Kinderlosigkeit einen Jungen vom Krankenhaus in Mazâr Šarif gekauft. „Vorher war ich sehr aggressiv und unruhig. Ich fühlte mich leer. Aber seitdem dieses Kind in meinem Leben eine Rolle spielt, ist meine Welt eine andere geworden.“

Das Handeln mit Kindern, oder wie die Kinderrechtsaktivisten das „den Kinderschmuggelhandel“ nennen, ist laut der Aktivisten in privaten Entbindungsanstalten häufiger als die staatlichen Krankenhäuser. Die Hebamme Parvin, die selbst bei solchen Kindesverkäufen durch arme und verzweifelte Familien mitgewirkt hatte, sagt, das dieses Phänomen sich langsam zu einer gesellschaftlichen Komplexität entwickelt. Es gibt keinen Grund, einen solchen gesetzwidrigen Handel auch noch zu verheimlichen, weil ihrer Meinung nach der Staat dieses Problem zur Kenntnis nehmen und nach Lösungen suchen muss.

Nach den Gesetzen in Afghanistan ist der Verkauf von Kindern oder ihr Schmuggel ein Verbrechen, das mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft wird. Die Organisationen, die sich mit Kinderrechten beschäftigen, sind der Meinung, dass die Regierung und andere gesellschaftlichen Organisationen in diesem Bereich aktiver werden müssen. Mohammad Sâme’ der Direktor der unabhängigen Menschenrechtskommission in Balkh sagt: „Die Gründung der Hilfsorganisationen, die armen Familien helfen, die Bestrafung der Kinder- Händler und Schmuggler und die Einrichtung der Kinderhäuser sind die Aufgaben des Staaten, die die Regierung bewältigen könnte.“

Aber bis solche Vorschläge und Planungen tatsächlich erfüllt werden, werden bis dahin wahrscheinlich viele hilfsbedürftigen Frauen ihre Kinder verkaufen müssen.

*Im übertragenen Sinne heißt „Brot und Zwiebel“ das Nötigste.

2 Gedanken zu „Der Kindesverkauf

  1. In einem Land, in dem die Knabenprostitution in Form des Jungentanzes Bacha Bazi förmlich blüht, der Drogenhandel nur einigen wenigen Herrschenden in die Taschen wirtschaftet, die Korruption Alltag ist, wird der Verkauf von Kindern durch diesen maroden Staat wohl nicht bestraft werden, auch wenn entsprechende Gesetzgebungen auf dem Papier stehen. Kinder gelten wohl in diesen Gesellschaften nicht viel. Leid können einem nur die Kinder tun und die Eltern, die ihre Kinder nicht ernähren können und offensichtlich nicht aufgeklärt sind. Der Staat, der selbst zutiefst korrupt ist, wird sich wohl nicht um das Schicksal einzelner Kinder scheren.

    Ich kann da nur sagen: „Grauenvoll, aber wahr!“

    • Danke für diese Worte. In der Tat ist es grauenvoll, seit fast 11 Jahren kann Afghanistan nichts nennenswertes zeigen, dass so viele Hilfen und Armeeunterstützungen mit der Beteiligung der deutschen Soldaten zu etwas gebracht hat.

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